Wieso man sich manchmal über beißende Kinder freut.

Von unsicheren Müttern und denen, bei denen niemals irgendetwas schief läuft.

Von unsicheren Müttern und denen, bei denen niemals irgendetwas schief läuft.

Mein kleines Monster Nino
Mein kleines Monster Nino

Bei drei Kindern hat man viele Erinnerungen, Schreckensmomente und besonders viele Glücksmomente, die einem für immer ins Herz gebrannt sind.

Vor zwei Tagen war ich mit einer Freundin nach langer Zeit mal wieder auf dem Spielplatz und dabei wurde ich an eine Zeit mit meinem ersten Sohn Nino erinnert, die ich bis heute nicht vergessen habe und wenn ich daran zurückdenke, noch immer dieses Gefühl spüre wie damals, etwas falsch gemacht zu haben und wie schlimm das damals für mich war.

Ich war gerade Anfang zwanzig, als ich mein erstes Kind bekommen habe. Da ich in einer Großfamilie groß geworden bin und immer viele Kinder um mich herum waren, hatte ich mit meinem Sohn keine Probleme, es war das größte für mich, Mutter zu sein. Ich habe wirklich alles getan, damit es meinem Sohn gut geht. Meine Hebamme hat mir damals gesagt, dass mir das Muttersein im Blut liegt und irgendwie hat sich das auch sofort so angefühlt. Ich war eigentlich ziemlich entspannt und war mir auch nicht bewusst, dass ich in einigen Sachen verunsichert war, bis zu besagtem Tag. Mein Sohn war damals motorisch sehr schnell, er hat mit neun Monaten bereits angefangen zu laufen und mit zehn Monaten ist er schon herumgerannt, immer allen Bällen hinterher. Das war viel zu früh, es gab viele Unfälle, aber sein Wille war so stark, dass er sich durch nichts aufhalten ließ. Zu der Zeit bin ich schon oft mit ihm auf den Spielplatz gegangen und auch zu Babyspielgruppen.

In den Spielgruppen fing es eigentlich schon an. Nino mochte andere Kinder, aber er war oft zu wild. Er hat geschupst und Haare gezogen und war einfach im ganzen Auftreten natürlich schon ganz anders als andere in seinem Alter, sodass man schnell gemerkt hat, dass andere Mütter ihre Kinder lieber schnell vor ihm verstecken wollten und froh waren, wenn Nino nicht zu ihren Kindern gekommen ist.

Ich habe damals alles getan was ich konnte, mit Engelszungen auf ihn eingeredet, nicht zu schupsen, nicht so wild zu sein, habe immer wieder nein gesagt, alles erklärt und habe von Nino natürlich nur einen verständnislosen Blick bekommen, auch das 'wenn du jetzt nicht aufhörst, müssen wir gehen' hat nicht geholfen, Nino war es egal, dann hat er halt woanders weitergespielt.

Damals habe ich meine erste Unsicherheit zum ersten Mal gespürt, ja, ich habe mich geschämt, die meisten Mütter in der Babygruppe waren älter als ich, alle sahen von oben auf mich herab und ich dachte, ich könnte schon die imaginären Denkblasen über ihren Köpfen sehen, 'sie ist viel zu jung', 'kein Wunder, dass sie ihr Kind nicht im Griff hat' und 'dann auch noch ausländische Namen. Ist ja klar, dass das mit der Erziehung nicht klappen kann.' Gesagt hat damals niemand etwas zu mir, doch manchmal sagen Gesten und Blicke mehr als Worte.

Da fing es an, dass ich mich wirklich schlecht gefühlt habe, ich habe den anderen Müttern indirekt recht gegeben und mich ständig gefragt, was ich falsch mache. Ich habe den Babykurs abgebrochen und bin aber natürlich weiterhin regelmäßig auf den Spielplatz gegangen. Das war immer gut für Nino, er war wild, er brauchte Platz und viele Herausforderungen.

Andere Mütter haben damals immer gedacht, dass Nino schon mindestens eineinhalb ist, durch seine motorische Sicherheit hat man ihn immer älter geschätzt, dass er aber natürlich noch nicht so gut sprechen und verstehen konnte, war auch ein Problem, dass ich immer schnell aufgeklärt habe, damit da keine Missverständnisse entstehen konnten und es ging auch ganz gut, bis zu dem Tag auf dem Lieblingsspielplatz von uns, den ich nie vergessen werde.

Wir waren schon eine ganze Weile da, am Vormittag waren oft immer dieselben Mütter da. Ich hatte Nino wie immer im Blick und war richtig happy, dass er sich heute relativ ruhig verhielt. Nino spielte wie immer mit dem Ball, neben ihm waren zwei Jungen, einer von ihnen hatte ein tolles Sandauto. Nino entdeckte es und hockte sich neben die Jungen, um das Auto anzusehen und zu versuchen, es an sich zu nehmen. Natürlich waren die anderen Jungen nicht einverstanden und ich wollte gerade eingreifen, da entriss einer der Jungen Nino das Auto, der sich daraufhin vorbeugte und den Jungen beherzt in die Wange biss ...

Es ist ja klar, was dann los war. Das Kind schrie wie am Spieß, die Mutter rannte herbei, Nino hielt glücklich das Auto in der Hand und strahlte wie ein Honigkuchenpferd und ich wollte mich am liebsten verstecken, was ich natürlich nicht tat.

Ich ging zu Nino und schimpfte mit ihm, nahm das Auto, gab es dem Jungen und wollte ihn gerade trösten, da drehte sich die Mutter zu mir um und schrie mich an, was für ein verkorkstes Kind ich habe und dass es gemeingefährlich wäre, es würde sich schon herumsprechen, dass er ein ganz schlimmes Kind ist und dass ich ihn überhaupt nicht im Griff habe.

Alle Mütter sahen uns an, ich wünschte mir damals, dass sich der Boden unter mir auftun würde. Normalerweise lasse ich mir nicht viel gefallen und gebe immer etwas zurück, doch ich konnte dazu kaum etwas sagen, außer dass es mir leid tut und Nino einfach noch so klein ist und nicht versteht, dass das so nicht geht, ich ihm das aber versuche beizubringen. Die Frau hat mir nicht einmal zugehört, sie hat gesagt, dass sie noch nie so ein schreckliches Kind gesehen hat.  

Ich als kleines Monster
Ich als kleines Monster

Mich hat das damals wirklich getroffen. Ich habe mir Nino genommen und bin nach Hause, wo ich fürchterlich angefangen habe zu weinen und meine Mutter angerufen habe. Ich habe mich so schlecht gefühlt, gedacht, ich mache alles falsch und habe mein Kind schon so früh vollkommen verkorkst. Meine Mutter hat sich alles mit der Ruhe einer Mutter von fünf Kindern angehört, ich habe geweint und geschnieft, erklärt, dass ich vollkommen versagt habe und mein ganzes Herz ausgeschüttet. Ich wollte Trost und Zuspruch, doch meine Mutter fing an zu lachen.

»Ich hatte gehofft, dass dieser Tag kommen wird, mein Schatz. Weißt du damals, als du gerade laufen konntest, warst du so ein süßes und hübsches Mädchen. Alle haben dich immer betrachtet, wie du mit deinen schönen Kleidern auf dem Spielplatz herumgelaufen bist und fanden dich zuckersüß, auch die anderen Kinder. Du hast die Kinder immer angestrahlt und bist zu ihnen gelaufen, dann hast du ihre Gesichter festgehalten, alle waren verzückt und dachten, du küsst sie jetzt, aber du … hast ihnen in die Nase gebissen, ständig hast du das gemacht. Einmal hat ein anderes Mädchen sogar geblutet, du warst schrecklich und ich habe mir damals so gewünscht, dass du das auch mal mit deinen Kindern erlebst und heute ist der Tag gekommen. Also höre auf, dir unnötige Sorgen zu machen, du hast ein tolles Kind und bist eine wunderbare Mutter. Ich komme vorbei und wir gehen ein Eis essen, vergiss die anderen Mütter, es wird immer Mütter geben, die sich nur daran aufziehen, wenn es bei anderen mal nicht so gut läuft. Früher haben sich Mütter gegenseitig unterstützt, das ist leider nur noch selten der Fall.«

Nino heute mit seinem Bruder Younes
Nino heute mit seinem Bruder Younes

Ich war danach eine Zeitlang weniger auf dem Spielplatz, dieser Tag ist mir bis heute noch im Gedächtnis, auch wenn das Ganze jetzt einige Jahre her ist. Nino ist jetzt zwölf, er spielt noch immer viel Fußball, jetzt aber in einer Leistungsmannschaft, vielleicht war das der Grund, dass er es damals gar nicht abwarten konnte. Er geht nach diesem Sommer auf ein tolles Gymnasium und hat eines der besten Sozialzeugnisse aus seiner Klasse bekommen. Mein kleiner Beißer ist ein wunderbarer Junge, auf den ich mehr als stolz bin.

Auch wenn ich mich damals wirklich schlecht gefühlt habe, bin ich heute dankbar dafür.

Es hat mit geholfen, als in der Kindergartengruppe meines Sohnes ein Mädchen alle Kinder gekniffen hat, die Mutter nicht zu verurteilen, sondern Verständnis zu zeigen und zu verstehen, wenn sie ganz verschämt anhören musste, was ihre Tochter wieder angestellt hat.

Vor zwei Tagen, als ich da mit meiner Freundin stand mit meinem gerade zwölf Wochen alten dritten Sohn im Kinderwagen, die Großen hinten auf dem Fußballplatz und der Tochter meiner Freundin beim Spielen zugesehen habe, musste ich wieder lächelnd daran zurückdenken.

Ich beobachtete eine Weile einen kleinen Jungen, der mit seiner Schippe allen Kindern auf den Kopf schlug. Die Mutter versuchte ihr bestes, das Kind davon abzubringen, auch sie war ungefähr so jung wie ich damals und man sah ihr an, dass sie immer verzweifelter wurde. Ich sah die Blicke der anderen Mütter und wie sie zu tuscheln begannen. Als die Mutter dann ihr Kind nahm und geknickt gehen wollte, sprach ich sie an. Ich versicherte ihr, dass das von ihrem Kind nur eine Phase ist und dass ich weiß, wie sie sich fühlt. Die Mutter blieb stehen und ich erzählte ihr ein wenig von Nino und wie ich mich damals gefühlt habe. Man hat der Frau wirklich angesehen, wie ihr einige Steine vom Herzen fielen, besonders als ich extra etwas lauter erzählte, dass alle Kinder mal so eine Phase mitmachen, mal etwas intensiver, mal weniger, doch es ist nichts, weswegen man sich fertig machen sollte und schon gar nicht, weswegen andere Mütter einen schief anzusehen haben. Viele Mütter haben dann etwas verschämt weggesehen, von denen, die alles mitgehört hatten und die junge Frau ist sicherlich mit einem besseren Gefühl nach Hause gegangen als ich damals

Meine drei Monster
Meine drei Monster

Da stand ich dann einige Jahre später und mit der Erfahrung und Gelassenheit von nun drei Kindern und wünschte, ich hätte damals, als es mir so nah ging, geahnt, dass ich eines Tages lächelnd an diese Zeit zurückdenken werde.

Weder Kinder noch Mütter sind perfekt und ich wünschte mir, dass die Mütter sich gegenseitig unterstützen, statt immer mit dem Finger auf andere zu zeigen. Jede Mutter macht Phasen durch, in denen sie an sich zweifelt, doch am Ende macht es uns nur stärker und gelassener.

 

Ich hoffe, euch auch zukünftig an einigen meiner Erfahrungen teilhaben lassen zu können.  

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Kommentare: 2
  • #1

    Summer (Sonntag, 10 Juli 2016 15:58)

    Ich finde es nicht schlimm, wenn Kinder mal Monster sind :-)
    Solche Mütter, die nichts besseres zu tun haben als über andere zu lästern, haben meistens selber solche Kinder. Außerdem nur weil ein Kind mal so reagiert, bedeutet das noch lange nicht, das die Erziehung nicht funktioniert hat.

  • #2

    Janina (Montag, 11 Juli 2016 23:42)

    Ich momentan arbeite im Kindergarten und kann nur sagen Kinder sind Kinder sie probieren sie lernen und testen. Kontakt aufnahme wird oft anders ausgeübt und trotzdem kenne ich kein Kind das nicht ein kleiner Engel ist. Sie haben bestimmt 3 tolle kinder bleiben sie so und lassen sie sich nie sowas einreden