Mein wahres Leben zwischen zwei Religionen 2

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Wir waren einige Jahre zusammen, als nun die Hochzeit geplant wurde. Wie so viele Frauen hatte ich schon einige Vorstellungen. Ich wollte eine schöne Location mit Pavillon, unter dem ein Priester und ein Imam zusammen die Trauung vollziehen.

Hier in Berlin gar kein Problem, es sollten viele Gäste kommen, auch aus dem Ausland und die Planungen wurden immer größer und ausgefallener.

Nun waren wir so lange zusammen, verlobt, kurz davor zu heiraten, ich war fertig mit meiner Ausbildung, mein Mann hatte einen guten Job, wir lebten in einer sehr großen Wohnung, es war alles perfekt. Und da wir eh bald Kinder wollten, haben wir nicht mehr so genau aufgepasst und mitten in den Planungen unserer riesigen Traumhochzeit habe ich gemerkt, dass ich bereits da ein kleines Wunder in mir getragen habe. 

Man kann nicht sagen, es war nicht geplant, wir haben nicht damit gerechnet, dass es so schnell geht, doch wir haben uns wirklich alle sehr gefreut. Ich war noch jung und das erste Mal schwanger und dachte am Anfang, ja, kein Problem, Hochzeit findet trotzdem statt. Doch je mehr Wochen vergingen, umso mehr spürte ich, dass das nicht so einfach sein würde.

Wir sind nicht sehr altmodisch, doch ich habe mich dann geweigert, schwanger vor einen Priester und einen Imam zu treten und zu heiraten, das kann man immer nachholen.

Mein Bauch wuchs und wuchs und meine Vorstellungen von einem Traumkleid schrumpften immer mehr. Auf den Vorschlag, bis nach der Geburt mit der Hochzeit zu warten, konnte ich gar nicht eingehen; wenn man schwanger ist, denkt man über vieles ganz anders nach, verbeißt sich oft in Kleinigkeiten und mir war es plötzlich extrem wichtig, dass mein Kind und ich den Namen meines Mannes tragen, wie es sich gehört. Jetzt würde ich da vielleicht auch anders drüber denken, damals war es sehr wichtig für mich, noch vor der Geburt verheiratet zu sein. 

Also kein Verschieben, es ging ans tatsächliche Planen und das war das erste Mal, wo ich spürte, dass all das nicht klappen würde, weil es mir schlechter ging und meine Ärztin mir riet, diesen Stress so gut es geht zu vermeiden. Natürlich stand über allem anderen die Gesundheit des Sohnes, den ich erwartete und so beschloss ich, erst das Ganze abzugeben und andere planen zu lassen.

Doch das ging auch nicht. Als ich die ersten Ergebnisse davon hörte, war ich noch gestresster, das war nicht mehr meine Traumhochzeit. Die Zeit verging und ich wurde immer runder, mein Mann hat mich damals einfach in den Arm genommen und mir gesagt, dass es doch völlig egal sei. Und wenn wir uns beide alleine das Ja-Wort geben, es geht doch um so viel mehr als diesen einen Moment. Bei uns, die so viel mitgemacht haben, sollte man sich deswegen nicht verrückt machen und dass wir auf unser Baby Rücksicht nehmen sollten, also wurde alles zurückgefahren und wir beschlossen, die riesige Feier einfach später einmal nachzuholen. 

Wir heirateten am 30. Januar, ich war damals im siebten Monat schwanger, aber auch wenn wir am Ende nur eine kleine Hochzeitsfeier hatten, war es wirklich wirklich schön. Es sind doch viel mehr Leute gekommen als geplant, viele alte Freunde haben uns überrascht, wir haben gemütlich gefeiert, ich hatte trotzdem ein weißes Kleid an nur mit Babybauch, eine schöne Torte, alle Leute aus der Familie waren da, es gab lecker Essen. Und irgendwann um drei Uhr morgens saßen wir ganz gemütlich mit alten Freunden zusammen und haben den Rest der Nacht verquatscht, es war wirklich schön, nicht die Traumhochzeit, die ich wollte, doch trotzdem wunderbar.

Nach der Hochzeit konnten wir uns dann endlich ganz dem Baby widmen und da stand die Frage im Raum, wie wir das Baby nennen werden. Auch da hatte ich wieder einen Plan, einen Namen, den es in allen Sprachen gibt und der in allen oder den meisten Ländern vertreten ist.

Wir haben uns schnell auf Elias geeignet. Eine Sache, die ich mittlerweile gelernt habe ist, dass immer alles anders kommt, als man denkt. Kurz vor der Geburt unseres Sohnes ist nämlich ein schrecklicher Unfall passiert und einer der Cousins meines Mannes ist bei einem Motorradunfall gestorben. Ohne dass wir viel darüber sprechen mussten, war klar, dass wir unseren Sohn nach dem Cousin meines Mannes nennen würden, der ihm so viel bedeutet hat. Also heißt unser ältester Sohn Nizar, sein Spitzname ist aber schon immer Nino gewesen und er wird meistens auch so genannt. 

Die Zeit mit unserem ersten Sohn war einfach nur wunderschön, damals wie heute hat er von Anfang an beide Einflüsse mitbekommen und miterlebt. Die meiner Familie und die meines Mannes. Es war einfach eine schöne Zeit und zweieinhalb Jahre später wurde ich wieder schwanger.

Dieses Mal habe ich mich einfach an die Namenssuche gemacht, ich hatte nicht einmal eine Vorstellung davon, ob der Name wieder arabisch oder international werden sollte, doch während ich mir Tausende von Namenslisten durchgelesen habe, bin ich auf den Namen Yasin gestoßen, der mich sofort gefesselt hat und den ich unbedingt nehmen wollte. Allerdings wird auch mein zweiter Sohn fast immer nur Yasu genannt, irgendwie ist das mit den Spitznamen meiner Söhne so. (Wer erinnert sich noch an den Stamm der Yasus in Hijas de la Luna?)

Natürlich ist neben der Namensfindung in einer Ehe zwischen zwei Kulturen und Religionen auch die Frage 'wie macht ihr das mit den Kindern und den Religionen?'. Ich möchte da jetzt auch nicht auf jedes einzelne Detail eingehen, aber mein Mann und ich haben uns schnell darauf geeinigt, was uns wichtig ist.

Unsere Kinder glauben an Gott. Sie wissen, dass es Gott gibt und mehrere Arten, an ihn zu glauben. Sie wissen viel über den Islam und genauso viel über das Christentum. Sie gehen in die Moschee und auch in die Kirche. Wir feiern alle islamischen Feiertage genauso wie die christlichen. Wir alle feiern diese Feste zusammen. Wenn sie alt genug sind, können sie selbst entscheiden, ob sie eher nach dem Koran oder der Bibel leben möchten, wobei ich das auch nicht so wichtig finde. In meinem Verständnis vom Glauben und auch in dem meines Mannes ist es wichtig, dass man betet, dass man fastet, dass man an Gott glaubt und versucht, ein guter Mensch zu sein. Es ist im Grunde egal wie du betest, Hauptsache in deinem Herzen ist der Glaube an Gott ehrlich vorhanden. 

Diese Tatsache, dass wir beide das so sehen, hat uns viel geholfen, unsere Söhne sind beide in eine katholische Kita gegangen, genau wie der jüngste jetzt auch dahin gehen wird. Es gibt dort sogar einige muslimische Kinder, deren Eltern möchten, dass ihre Kinder in eine Kita gehen, wo man zusammen am Tisch vor dem Essen 'lieber Gott, wir danken dir für das Essen' sagt, man muss das nicht immer alles so streng sehen. Die Erzieher erklären den Kindern dort, wieso wir Ostern feiern und wenn Zuckerfest ist, bringen die muslimischen Kinder Süßigkeiten mit und erzählen von ihrem Fest. Ich denke, das Geheimrezept in unserer Ehe und generell in allem ist der Respekt und das Akzeptieren der anderen Religion.

Mein Mann ist bis heute nicht einmal auf die Idee gekommen, mich zu fragen, ob ich seinen Glauben annehmen möchte oder hat mich gebeten, auf irgendetwas aus meiner Religion zu verzichten, und wenn er nach seiner Religion geht, darf er das auch gar nicht.

Genauso würde ich auch nie auf die Idee kommen, ihn von irgendetwas in seiner Religion abzuhalten, wenn er fastet, koche ich für ihn, er sieht sich die Aufführungen unsere Kinder in der Kirche an und ich fahre die Kinder zum Arabischunterricht. Mein Mann feiert jedes Jahr Weihnachten und alle anderen Feste mit uns, natürlich nicht aus dem Grund, weshalb wir es feiern, aber er sieht es einfach als schöne Gelegenheit, wieder mit der Familie zusammen zu sein und er besteht sogar jedes Jahr auf seinen Gänsebraten, genau wie ich meinen Mann, wenn er viel zu tun hat, an die Geschenke für das Opferfest erinnere.

All das, unser ganzes Glück beruht auf diesem Geben und Nehmen, auf Respekt und natürlich auf ganz viel Liebe.

Es gibt so viele Punkte, zum Beispiel gibt es bei uns kein Schweinefleisch, ja, ich könnte auch darauf bestehen, aber bringt es mich um, auf Schweinefleisch zu verzichten? Nein, ich habe früher auch nie viel gegessen und so ist es einfacher, als wenn ich anfange, irgendwelche Sachen zu trennen. Die Beschneidung war bei uns auch nie ein Thema, da bei unseren Söhnen das schon aus medizinischen Gründen, als sie ganz klein waren, entschieden wurde. Unsere Ehe verläuft wie fast alle Ehen mit guten und schlechten Zeiten. Besonders als unsere Söhne größer wurden und ich angefangen habe zu schreiben und in der Öffentlichkeit zu stehen, hatten wir eine sehr schwere Phase, die auch sicherlich ein ganzes Jahr so ging.

Wir hatten uns unbemerkt voneinander entfernt. Doch wir haben wieder zusammengefunden, vielleicht mehr als jemals zuvor, und nun ist unser letzter Schatz geboren worden und er steht sogar am allermeisten für den Respekt beider Religionen voreinander.

Er heißt Younes, der arabische Name für den Propheten Jonas. 

Wir haben nie viel über unsere Religionen nachgedacht, sondern leben einfach damit. Als ich mich wegen der Bücher mehr mit dem Islam beschäftigt habe, fand mein Mann das sehr schön, denn auch er lernt noch vieles über meine Religion. Das, was wir uns für unsere Kinder wünschen ist, dass sie weltoffene Menschen werden, die alle Religionen respektieren und gute, gottesfürchtige Menschen werden, so Gott es will, Inshallah :)

Ich werde sicher auch in Zukunft angeschrieben werden, dass das nicht geht, wie es funktioniert, was man beachten muss. Dass wir so eine glückliche Ehe führen, bedeutet nicht, dass das für alle gelten muss, doch der Hinderungsgrund sollte nicht die Religion sein, der Glaube sollte verbinden, nicht trennen.

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Kommentare: 2
  • #1

    Sunny (Sonntag, 07 August 2016 21:58)

    Richtig schöner Eintrag. Finde es toll das ihr das alles meistern könnt <3

  • #2

    Janina (Montag, 08 August 2016 14:50)

    Danke, das du dass alles mit uns teilst. Eure Geschichte hört sich wunderschön an und ich finde es sehr gut dass ihr beide Religionen lebt, und lernt